Das Netz der Schufa

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Unschuldig im Netz der Schufa

Ob es der Kredit für das erträumte Eigenheim, der neue Handy-Vertrag oder das neue Bett aus dem Katalog sein soll - an der Schufa, der Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung, kommt keiner vorbei. Sie gibt Auskunft über die Kreditwürdigkeit von Privatpersonen.

Peter Sobotka telefoniert viel. Dennoch ist er überrascht, als er eine Handy-Rechnung über 600 Euro für Telefonate bekommt, die er vor anderthalb Jahren geführt haben soll. "Ich habe festgestellt, dass sie inhaltlich und sachlich falsch war und habe Widerspruch eingelegt, der einfach nicht beantwortet wurde", erzählt Sobotka. "Und irgendwann kam dann ein Schreiben von den Inkassobüros und auch von Rechtsanwälten. Denen habe ich den Sachverhalt noch mal dargelegt, da kam wieder nichts. Irgendwann nach einem Jahr oder anderthalb Jahren war für mich die Sache erledigt."


Negative Schufa-Auskunft
Wenig später bestellt Sobotka eine Couch auf Rechnung. Doch das Versandhaus verweigert die Lieferung. Die Begründung: eine negative Auskunft der Schufa. Die hatte die strittige Handyrechnung einfach ungeprüft als Negativ-Meldung eingetragen. Sobotka beschwert sich.


"Festgestellt wurde, dass dieser Eintrag unrechtmäßig erfolgte und die Schufa mir bestätigt hatte, dass dieser unrechtmäßige Eintrag gestrichen würde. Und darauf habe ich mich einfach verlassen", ärgert er sich.

Zu Unrecht in den Schufa-Fängen
Denn die Schufa darf nur geplatzte Forderungen eintragen und weitergeben, die unbestritten sind. Aber was ist, wenn es doch mal passiert? Stefan Horst von der Schufa wiegelt ab: "Bei den Millionen von Auskünften, die wir jährlich geben, kann es leider bei einer Hand voll Fällen zu Fehlern kommen. Das heißt, dass ein Merkmal in einer Auskunft steht, das da nicht rein gehört. Diese Fehler bedauern wir und sobald die uns bekannt werden korrigieren wir diese auch sofort."


Doch einmal zu Unrecht in den Fängen der Schufa, kommt man nur schwer wieder raus. Das hat Peter Sobotka leidvoll erfahren. Als er rund zwei Jahre nach der Löschungszusage ein Haus finanzieren wollte, bekam er keinen Kredit - wieder wegen der negativen Schufa-Auskunft, erzählt Sobotka: "Daraufhin hab ich mir eine Eigen-Auskunft bei der Schufa geholt und habe festgestellt, dass die angeblich gelöschte Forderung schon wieder eingetragen war."


Leichtfertiger Umgang
Das Mobilfunkunternehmen hatte die immer noch umstrittene Rechnung erneut als unbezahlt gemeldet. Und wieder gab die Schufa dies weiter. Nach Ansicht der Verbraucherschützer geht man dort zu leichtfertig mit den negativen Meldungen um und prüft nicht deren Richtigkeit.


"Wir stellen immer wieder fest, dass die SCHUFA-Einträge in der Praxis viel zu schnell erfolgen und zwar schon zu einem Zeitpunkt, wo noch gar nicht feststeht, ob vielleicht berechtigte Einwendungen gegen die Forderungen bestehen", bestätigt Markus Saller von der Verbraucherzentrale München. "Hier müsste viel sensibler mit den Daten umgegangen werden. Da müssten auch die Vertragspartner gemahnt werden, nur rechtskräftige Entscheidungen zum SCHUFA-Eintrag zu bringen."

Soziale Ächtung
Negativ-Einträge kommen einer sozialen Ächtung gleich. Sie können existenzbedrohend sein. Wir treffen einen Schufa-Geschädigten, der nicht erkannt werden möchte. Er war selbstständig und konnte vorübergehend Kredite nicht tilgen, weil viele seiner Kunden nicht zahlten. Seine Bank meldete ihn sofort als säumigen Schuldner der Schufa. Obwohl er nur wenige Wochen später seine Schulden von 3400 Euro beglich, bleibt der Negativ-Eintrag drei Jahre lang gespeichert.


"Ich fühle mich einfach wie ausgeschlossen", erzählt er. "Ich muss zum Beispiel bei der Telekom Vorkasse leisten. Wenn ich mir ein Auto leasen oder finanzieren will, klappt das nicht. Alle verweisen auf den Schufa-Eintrag. Selbst bei Versandhäusern komme ich nicht durch. Da sagen sie: 'Ratenkauf, das geht nicht, weil Sie einen Schufa-Eintrag haben.' Nicht mal die einfachsten Sachen kann ich mir leisten, weil alle auf diesen Schufa-Eintrag verweisen."


Von Datenmengen überfordert
In Zukunft könnten Negativ-Einträge sogar noch weiter reichende Folgen haben. Denn die "Krake" Schufa will ihre Tätigkeit bundesweit ausdehnen - auf Versicherungen, Inkassounternehmen und die Wohnungswirtschaft.


Das macht Datenschutzexperten wie Thomas Petri Angst: "Da droht der gläserne Bürger in allen sozialen Bereichen. Und das kann man eigentlich nicht zulassen. Stellen Sie sich mal vor, Sie wollen eine Wohnung anmieten und Sie kriegen auf Grund einer einzigen negativen Schufa-Auskunft keine Wohnung oder Sie kriegen sie nur unter größten Schwierigkeiten. Hier droht eine Abkopplung großer Bevölkerungsteile vom Wirtschaftsleben."
Falscheinträge häufen sich
Sie forderte daraufhin eine Selbstauskunft an - mit erschreckendem Ergebnis: "Ich habe 33 Einträge. Davon sind 21 falsch, mit denen habe ich nichts zu tun. Dazu gehören verschiedene Kredite, Auto-Leasing-Verträge und gekündigte Kredite, bei denen die Bank geklagt hat. Und das Allerschlimmste: eine abgegebene eidesstattliche Versicherung, die mir sofort das Genick brechen würde." Falscheinträge und unzulässige Meldungen sind längst keine Einzelfälle mehr, wie die Schufa immer wieder behauptet.Bei der Darmstädter Aufsichtsbehörde für die Schufa-Zentrale haben sich die Beschwerden in den vergangenen Jahren verachtfacht, berichtet Behördensprecherin Renate Hildenbrand-Beck: "Ich denke, hier muss man einiges verbessern, damit die schutzwürdigen Belange der Betroffenen gewahrt werden und das möchte ich auch gern mit anderen Aufsichtbehörden im Bundesgebiet klären."

Umstrittenes "Scoring"
Klärungsbedarf besteht aber auch beim "Scoring". Das ist eine Punktewertung, mit der die Schufa den Kreditsuchenden einer Gruppe zuordnet, die gleiche Merkmale hat, wie zum Beispiel Alter oder Familienstand. Je nach Zahlungsmoral der Mitglieder dieser Gruppe in der Vergangenheit bekommt dann der Antragssteller eine Punktzahl - je niedriger, desto schlechter. Haben viele seiner Gruppe ihre Kredite nicht zurückgezahlt, ist angeblich auch bei ihm dieses Risiko besonders groß.Thomas Petri von der Deutschen Vereinigung für Datenschutz: "Ich halte das Schufa-Score-Werteverfahren für rechtswidrig. Das Schufa-Scoring ist Sippenhaft. Der Einzelne wird bewertet aufgrund von Kriterien, die er gar nicht negativ oder positiv beeinflussen kann - nach Alter, Nationalität, Anzahl von Umzügen, Familienstand. Sie können ihren Vertrag einwandfrei erfüllen und kriegen trotzdem einen schlechten Score- Wert, nur weil einige aus der Gruppe in der Vergangenheit ihre Kredite nicht bezahlt haben. "Geschäftsgeheimnis"
Welche Merkmale genau in das umstrittene Scoring einfließen und wie diese gewichtet werden, will die Schufa nicht verraten - "Geschäftsgeheimnis". Angeblich sollen dabei auch Daten eine Rolle spielen, die eigentlich nichts mit der Kreditwürdigkeit zu tun haben, wie zum Beispiel die Zahl der Wohnortwechsel.Frontal21 will es genauer wissen. Doch auch bei diesem Thema blockt Stefan Horst von der Schufa ab: "In den Score fließen alle Merkmale der Eigenauskunft ein, man kann dies nicht auf einzelne Merkmale herunterbrechen."Kreditwürdigkeitsnote
Frontal21 hakt nach: "Spielt das eine Rolle, wenn ich sehr oft umziehen muss?" - "Das kann ich Ihnen so klar leider nicht beantworten, da der Score eine mehrdimensionale Betrachtung ist. Das kann man auf einzelne Merkmale nicht herunterbrechen", wiederholt sich Stefan Horst.

Thomas Petri findet das unglaublich: "Man stelle sich vor, man bekommt eine schlechte Schulnote und kriegt nicht mitgeteilt, warum. Und ganz ähnlich ist das bei dem Schufa-Scorewert. Man kriegt eine schlechte Kreditwürdigkeitsnote und die Schufa sagt nicht aus welchen Gründen."Interessen der Verbraucher
Doch das stört ihn nicht, den "Geheimdienst der Kreditwirtschaft", wie Kritiker die Schufa auch bezeichnen. Wissen doch die Daten-Ausspäher und -Verkäufer das Gesetz auf ihrer Seite. Datenschützer Petri kritisiert: "Formell betrachtet kann das rechtmäßig sein, aber das zeigt, dass das Datenschutzrecht hier die Interessen der Wirtschaft deutlich höher gewichtet, als die Interessen der Verbraucher." Peter Sobotka ist es wegen des unberechtigten Negativ-Eintrags nur mit viel Mühe gelungen, doch noch eine Hausfinanzierung zu bekommen. Denn das Räderwerk der Schufa lässt seine Opfer nicht mehr los - auch wenn die sich nichts zu Schulden kommen lassen.

von Andreas Baum

 

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